Krankheit / Erkrankung | Fr, 1. Januar 2010

Depression

Lesezeit: 8 Min.

Durchs finstere Tal - der Erfahrungsbericht einer seelischen Erkrankung

Im Folgenden möchte ich die Geschehnisse und Erfahrungen während meiner psychischen Erkrankung im Jahr 2006 wiedergeben. In dieser Zeit hat der Herr Jesus zugelassen, dass ich durch ein finsteres Tal der Leiden und der Verzweiflung geführt wurde. Doch ich bin dankbar, dass Er mich in dieser dunklen Zeit nie alleingelassen hat und die Umstände souverän in seiner mächtigen Hand gehalten hat. „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Bedrängnis, damit wir die trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden“ (2. Kor 1,3.4).

Die Vorgeschichte

Oft entsteht eine psychische Erkrankung nicht von „heute auf morgen“, sondern sie bahnt sich über längere Zeit an. So war es auch bei mir. Im Herbst 2004 fiel ich zum ersten Mal in meinem Leben in eine tiefe Depression, die allerdings sehr schnell erfolgreich behandelt werden konnte mit einem Neuroleptikum. Dieses Medikament half mir, aus diesem Loch der Depression herauszukommen. Ich besuchte damals die siebte Realschulklasse. Meine schulische Leistungsfähigkeit litt kaum unter der Depression, da sich die Akutphase (ca. eine Woche) in den Ferien abspielte und die medikamentöse Behandlung sehr schnell wirkte.

Im Sommer des folgenden Jahres (2005) entwickelte sich bei mir mehr und mehr ein sogenanntes Benommenheitsgefühl. Ich hatte den Eindruck, dass ich dadurch mehr und mehr den Bezug zur Wirklichkeit verlieren würde. Und meine geistige Leistungsfähigkeit begann dadurch abzunehmen, was ich vor allem in der Schule merkte. Ich machte mir ernste Sorgen um meine Gesundheit, da sich das Benommenheitsgefühl - es war ein traumähnlicher Zustand - kontinuierlich, von Woche zu Woche steigerte. Meine Verzweiflung wuchs, ich sah keinen Grund, warum diese ständige Steigerung irgendwann aufhören sollte. Ich suchte irgendwann nur noch nach Ursachen für diesen Zustand.

Schließlich kam ich zu der Überzeugung, dass das Traumgefühl (wie ich es später nannte, also die Angst, dauerhaft mit dieser Erkrankung leben zu müssen), das mich immer mehr quälte und mit dem zu leben ich mir nicht vorstellen konnte, eine Folge der Neuroleptikums war. Von der Verzweiflung um meinen Zustand getrieben, setzte ich das Neuroleptiku von heute auf morgen ab. Ich tat es in der Hoffnung, damit den Auslöser und die Ursache des ganzen Dilemmas zu beseitigen. Doch sehr schnell stellte sich heraus, dass dies ein Trugschluss war. Nach dem Absetzen es Medikamentes (gegen Ende des Jahres 2005) änderte sich an dem Traumgefühl nichts. Im Gegenteil: Es wurde nur schlimmer. Hinzu kann, dass ich durch das abrupte Absetzen in eine heftige Psychose mit Angstzuständen fiel. Damals wusste ich noch nicht, dass dies der Anfang einer ca. neun Monate andauernden Leidenszeit werden sollte, durch die mich der Herr Jesus gehen ließ.

Im finsteren Tal

In dieser Leidenszeit, die ich jetzt kurz schildern möchte, fühlte ich mich oft so, wie man es im Propheten Jeremia nachlesen kann, wenn er klagt: „Und ich sprach: Dahin ist meine Lebenskraft und meine Hoffnung auf den Herrn. Gedenke meines Elends und meines Umherirrens, des Wermuts und der Bitterkeit! Beständig denkt meine Seele daran und ist niedergebeugt in mir (Klgl 3,18-20).“ Doch ich bin sicher, dass der Herr Jesus mich ganz bewusst durch diese Zeit gehen ließ. Dank seiner Gnade habe ich auch nie den Glauben an Ihn und die praktische Verbindung zu Ihm verloren. Auch wenn mein Glaube in dieser Zeit auf dem Nullpunkt war - ich hatte keine Hoffnung mehr, jemals wieder ein normales Leben führen zu können, so hat Er doch wunderbar über den Umständen gewacht und mir zur rechten Zeit den ersehnten Ausweg gebahnt (vgl. 1. Kor 10,13)!

An der stetig zunehmenden Intensität des „Traumgefühls“ änderte sich nichts. Ich hatte zunächst den Eindruck, morgens noch halbwegs frisch und klar zu sein und im Laufe des Tages mehr und mehr von diesem „Traumgefühl“ befallen zu werden. Doch mit zunehmender Zeit wachte ich bereits morgens mit diesem Gefühl auf. Meine Gedanken drehten sich nur noch um diese eine Sache. Desto mehr Gedanken ich mir machte, desto schlimmer wurde das „Traumgefühl“, und ich begann, daran zu verzweifeln. Es war für mich ein absolutes Ding der Unmöglichkeit, mit dieser permanenten Einschränkung zu leben.

Die Psychose, an der ich litt, steigerte sich ebenfalls zunehmend. Durch das intensive Beschäftigen mit meinem Kopf und meiner Wahrnehmung (ich hörte ständig in mich selbst hinein) entwickelten sich bald auch Wahrnehmungsstörungen, die - so glaube ich - nichts mit dem Traumgefühl zu tun hatten, sondern psychotisch bedingt waren. Die Psychose äußerte sich in folgenden Symptomen: Angstzustände, Verfolgungswahn, permanenter Unsicherheit, veränderte Sinneswahrnehmungen im Hören und Sehen.

Mein Selbstwertgefühl nahm in jener Zeit immer mehr ab. Natürlich war es damals nicht mehr möglich, den normalen Schulalltag zu bewältigen. Ich war ca. 8 Wochen ganz zu Hause.

Um mir aus der Psychose herauszuhelfen, verschrieb mir meine damals zuständige Ärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Herborn ein anderes Neuroleptikum. Schon nach wenigen Wochen, entfaltete das Neuroleptikum seine Wirkung und ich kam Schritt für Schritt aus der Psychose heraus. Mein Zustand insgesamt wurde jedoch dadurch nicht besser. Weiterhin war es das permanent zunehmende Traumgefühl, welches mich mehr und mehr in Verzweiflung stürzte.

In der Tagesklinik

Ich sah mich zu jenem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, meinen normalen Schulalltag weiter zu bewältigen. Ich konnte mit diesem Traumgefühl nicht mehr leben. Eine stationäre psychiatrische Behandlung war die einzige Möglichkeit, die in Frage kam.

Nachdem ich mit meiner Mutter, meiner Ärztin und der künftig zuständigen Ärztin aus der Rehbergklinik übereingekommen war, tagesklinisch behandelt zu werden, wurde ich kurze Zeit später als Patient in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Herborn aufgenommen. Von nun an wurde ich morgens von einem Fahrdienst nach Herborn gebracht, war dann den Tag über dort und wurde nachmittags gegen 17 Uhr wieder abgeholt, um abends zu Hause zu sein.

Auf dieser Station waren die älteren Kinder und Jugendlichen untergebracht. Ich war Teil einer Gruppe, die aus 7 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren bestand. Ich verbrachte insgesamt ca. 11 Wochen in der Psychiatrie (die Zeit vom 21. Juni bis zum 08. September 2006).

In der Tagesklinik galt für mich wie für alle anderen Patienten ein fester Tageablauf mit regelmäßigen Anwendungen und Therapien, stationsbezogenen Aufgaben und Diensten (wie z.B. Küchendienst), einer Mittagspause, gemeinsamen Mahlzeiten auf der Station (Frühstück und Mittagessen), und ich musste die Klinikschule besuchen. Außerdem standen regelmäßig gemeinsame Ausflüge (z.B. nach Gießen in das Schokoladenmuseum oder nach Olpe an den Biggesee) auf dem Programm.

Trotz der geringen Hoffnung, dass sich etwas an dem Traumgefühl ändern würde, erhoffte ich mir durch die Psychiatrie eine optimale Medikamenteneinstellung und damit das Wiedererlangen meiner Denk- und schulischen Leistungsfähigkeit - kurz gesagt die Beseitigung bzw. Verringerung des Traumgefühls, mit dem ich nicht weiter leben konnte.

Kein Ausweg?

Den weitesten Raum in meiner Erinnerung an diese Zeit nehmen die seelischen Leiden ein, die mich unaufhörlich quälten. Meine Gedanken hatten zwar wieder normale Strukturen angenommen auch die Ängste - kurz gesagt die Psychose - war durch das Neuroleptikum erfolgreich behandelt worden. An meiner Sorge, nie wieder gesund zu werden, hatte sich jedoch weiterhin nichts geändert. Diese Vorstellung wurde stattdessen nur noch schlimmer. Ich hatte das Gefühl, dauerhaft mit diesem Traumgefühl leben zu müssen. Das Traumgefühl war für mich so schlimm und beeinträchtigend, dass ich auf ein Wunder Gottes hoffte, das mich von diesem Gefühl befreien würde. Doch der Glaube daran fiel mir unheimlich schwer, um nicht zu sagen, dass ich gar keinen Glauben hatte. Das erklärt meine Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Wenn mir damals jemand gesagt hätte, ich müsse an mir arbeiten und versuchen, mit dieser Beeinträchtigung zu leben, das wäre für mich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Deshalb sah ich es als notwendig an, dass ich von außen von diesem Gefühl befreit würde. Die Umstände (das heißt die ständige Zunahme des Traumgefühls) verhieß mir eher das Gegenteil. Ich wusste, dass, wenn sich an den Umständen nichts ändern würde, ich den Bezug zur Realität irgendwann gänzlich verlieren würde.

Doch alle Behandlungsversuche, das von mir beschriebene Traumgefühl medikamentös in den Griff zu bekommen, bewirkten keine Veränderung. Das Traumgefühl nahm ständig zu, und damit auch meine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Eine organische Ursache konnte man nach Durchführung eines EEG (Messung der Gehirnströme) und einer augenärztlichen Untersuchung ausschließen bzw. als unwahrscheinlich ansehen.

Regelmäßig hatte ich Gespräche mit meiner Stationsärztin. Doch von Gespräch zu Gespräch konnte ich ihr nichts anderes sagen, als dass das Traumgefühl weiter zugenommen habe. Die Belastung, dauerhaft damit leben zu müssen, verbunden mit der Angst, dass sich meine Denkfähigkeit bei stetiger Zunahme irgendwann völlig verlieren würde, brachte mich an die Grenzen meiner Kraft. Ich war überzeugt: Ich würde nie wieder die Schule besuchen können, nie ein normales Leben führen können. Ich war dabei, mich auf die Stufe eines Kleinkindes zurückzuentwickeln. Damit wollte ich mich nicht abfinden. Ich kämpfte innerlich dagegen an (mit der Kraft, die mir noch verblieb), doch ich wusste: Ich konnte nichts dagegen machen. Ich sah für die Zukunft keine Hoffnung mehr. Die Wellen der Angst und Verzweiflung, mit denen ich in dieser Zeit zu kämpfen hatte, schienen mich zu erdrücken. Ich sah damals keinen Ausweg, wie der Apostel Paulus es einmal im Blick auf sich selbst schreibt: „keinen Ausweg sehend…“, doch er fügt hinzu: „aber nicht ohne Ausweg“ (2. Kor 4,8b).

Licht am Ende des Tunnels

Es war kein Wunder in Form eines übernatürlichen Ereignisses, durch das der Herr Jesus mich von meiner Erkrankung heilte. Auch an dem Traumgefühl änderte sich nicht wirklich etwas. Aber der Herr gab mir auf einmal, als ich mich mit meinem Traumgefühl abgegeben hatte, die Kraft, damit zu leben. Das Traumgefühl belastete mich plötzlich nicht mehr in der Weise, wie es bis dahin der Fall gewesen war (ich denke, das ist als Wunder anzusehen). Ich konnte plötzlich damit leben. Die Verzweiflung, die Unmöglichkeit, damit leben zu müssen, wendete sich auf ungeahnte Weise. Das Unmögliche wurde möglich.

Um den Wiedereinstieg in den Schulalltag und das Leben zu Hause zu erleichtern, erschien es als die beste Lösung, die ersten beiden Wochen nach den Ferien am Schulunterricht meiner ursprünglichen Heimatschule teilzunehmen, um nach Schulende wieder nach Herborn gebracht zu werden. Gegen 17 Uhr wurde ich dann von dort abgeholt und nach Hause gebracht wie es auch bisher der Fall gewesen war.

Nach diesen zwei Wochen der Wiedereingliederung wurde ich aus der Klinik entlassen. Der Entlassungstermin wurde auf den 8. September 2006 festgesetzt. Dieser Tag war das Ende eines insgesamt 11-wöchigen Klinikaufenthaltes.

Ich bin dem Herrn dankbar, dass Er mich durch diese Zeit hindurchgetragen hat und zur rechten Zeit den Ausweg gebahnt hat, den ich während dieser Zeit nicht sehen konnte.

„Du hast uns Menschen auf unserem Haupt reiten lassen; wir sind ins Feuer und ins Wasser gekommen, aber du hast uns herausgeführt zu überströmender Erquickung“. (Ps 66,12)

„Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so dass ihr sie ertragen könnt.“ (1. Kor 10,13b)

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